Neues aus der Bibliotek "Tausend Bücher"

 

Montag, 26. April 2021

 

Da sitze ich nun in meiner privaten Bibliothek.

Tausend und mehr Bücher, die ich über Jahrzehnte zusammengestellt, käuflich erworben oder geschenkt bekommen habe. Sie haben Umzüge überstanden, sind in Kisten auf Reisen gegangen und an neuen Standorten in immer neuen Ordnungen platziert worden. Jedes Exemplar hat seine eigenen Gebrauchs- und Lagerspuren, viel genutzt und alle sind sie ein wenig eingestaubt.

 

Sie sind mir wohl bekannt. Da stehen Lieblingsbücher neben Büchern, die lange aufs Lesen warten mussten; Bücher, die halb gelesen ihr Dasein fristen oder mehrfach gelesene Bücher, denen man ihr bewegtes Leben ansieht. Ich kenne sie alle, denke ich, die Bibliotheks-Eignerin, ich kenne sie alle. Aber dann erlebe ich eine Überraschung.

 

Beim Durchsehen der Bücher, die als nächstes auf Reisen gehen sollen, stoße ich auf eines meiner Lieblingsbücher. Und nicht nur das. Genau dieses Lieblingsbuch ist plötzlich zweimal da, und ich kann mir nicht erklären, wie es dorthin gekommen ist. Ich blättere es durch und freue mich, dass ich eines dieser Exemplare weitergeben kann. Es ist: „Was Märchen über dich erzählen“ von Jorge Bucay.

 

Der argentinische Erzähler und Gestalttherapeut ist dafür bekannt, dass er in seinen Klienten gerne Märchen und Geschichten erzählt. Sein bekanntestes Buch ist wohl "Komm, ich erzähl dir eine Geschichte". In der Sammlung, die ich nun in der Hand halte, erzählt Bucay 15 bekannte Geschichten neu. Er fängt bei "Das hässliche Entlein" an, erzählt "Adam und Eva", „Amor und Psyche“, die „Odyssee“ und „Pinocchio" und natürlich auch Grimms Märchen "Rotkäppchen", "Hänsel und Gretel" und andere.

 

In jedem Kapitel gibt er Hinweise zur Herkunft der Geschichten. Bukay hält sich inhaltlich an den Originalstoff, erzählt die Geschichten aber ausführlicher und so, dass auch Märchen entwöhnte Leser und Leserinnen schnell einen Zugang bekommen können. Zu jeder Geschichte arbeitet er eine „Moral“ heraus. Dann geht er weiter und öffnet  „Die andere Tür“. Hier kann ich als Leserin der Entwicklung seiner Deutung folgen, kann mich von seinen Weisheiten und seiner erweiterten Sicht auf das Leben und seinen Entwicklungsmöglichkeiten inspirieren lassen.

 

Sehr gut gefallen hat mir zum Beispiel die Nacherzählung des Rotkäppchens, das mir einen überraschenden Zugang ermöglichte. Tief berührt aber hat mich „Des Kaisers neue Kleider“, das einen ungewöhnlichen Blick auf das Ende bietet.

 

Bucay bleibt nicht bei dem bekannten Bild des verlachten, nackten Kaisers stehen. Er erfindet eine Fortsetzung und bringt das Märchen zu einem guten, hoffnungsvollen Ende.

 

Das bringt mich auf eine Idee jenseits der Märchen: Warum müssen sich seit ewigen Zeiten all die Dramen- oder Opern-Akteure in Verzweiflungen steigern und am Ende tot zu Boden sinken?

 

Wie wäre es, wenn in „Kabale und Liebe“ oder in „Romeo und Julia“ die Eltern sagen würden: „Ach, wisst ihr was? Wir haben uns ein ganzes Leben lang bekämpft, jetzt wird es Zeit damit aufzuhören. Unsere Kinder lieben sich, und wir wollen, dass sie glücklich sind." Violetta in „La Traviata“ müsste nicht aussichtslos leiden, Othello käme zur Besinnung und würde seine Frau lieben, statt sie umzubringen und Effi Briest würde nicht einsam an Schwindsucht sterben.

 

Märchen, Geschichten, Dramen- und Opernstoffe wurden in Inszenierungen schon immer – mitunter bis zur Unkenntlichkeit – verändert. Warum nicht auch mal das Ende anders denken und Möglichkeiten ausmalen, die wir auch noch haben könnten?

 

Zaubermärchen leben das gute Ende vor. Was, wenn wir darin die Chance sehen könnten, genau das im Leben, in unserer Kultur zur Maxime werden zu lassen?

 

Bucay fasst einen - gar nicht so neuen - Gedanken zusammen: „Das Wesentliche … liegt darin, uns darin zu üben, das Leben mit dem Herzen zu sehen. Nicht nur, aber auch.“  Für ihn sind Geschichten „der Schlüssel zu unserem authentischen und wertvollsten Inneren.“

 

Dieses spannende, sehr lesenswerte Buch ist bereits auf Bücherreise gegangen. Eine Buchempfehlung ist es allemal.

 

Herzlich, Christiane Raeder

 

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