Das Parlament der Vögel

Der Valentinstag wurde in England im 14. Jahrhundert als höfisches Fest gefeiert. Davon erzählt der Dichter, Schriftsteller und Übersetzer Geoffrey Chaucer in seinem Gedicht Parlament der Vögel, das eigentlich hundert Strophen umfasst.

 

Lasst euch mitnehmen zu einer Vogelhochzeit besonderer Art.

 

Alles beginnt damit, dass der Dichter über das Wesen der Liebe sinniert. In einem Traum befindet er sich plötzlich in einem geheimnisvollen Garten. Alles grünt und blüht, die Vögel singen und unter einem Baum sitzt Cupido, Pfeile schmiedend und den Bogen zu seinen Füßen. Zart bekleidete Mädchen tanzen um einen Liebestempel. Auf einer goldenen Ruhebank räkelt sich Frau Venus, nur mit einem dünnen Schleier bekleidet.

 

Die Göttin Natur aber thront auf einem Blumenhügel und hat unzählige Vögel um sich versammelt.

"Denn Feiertag Sankt Valentins war's eben,

an dem zur Gattenwahl nach diesem Ort

sich alle Vögel, die man kennt, begeben."

Nahe bei der Göttin sitzen die großen Raubvögel, dahinter drängt sich das kleinere Volk. Auf dem Rasen hat das Volk der Körnerfresser Platz genommen, und tief unten im Tal die Wasservögel. Auf der Hand der Göttin Natur sitzt ein Adlerfräulein.

 

Nun sollen, so die Göttin, die Vögel ihre Wünsche äußern.

 

Da meldet sich ein Königsadler und wirbt leidenschaftlich um die schöne Adlerdame. Die aber wird rot wie eine "Rosenblüte im Sommersonnenschein" und ist zu keiner Antwort fähig. Da melden sich zwei weitere Adlerburschen. Der Wettstreit beginnt und zieht sich hin, bis die anderen Vögel beginnen zu murren und durcheinander zu schreien.

 

Ein Falke meint, nur ein Turnier könne entscheiden, ein Kampf sei das Beste.

 

Eine Gans meldet sich und meint, wenn ein Freier nicht erhört wird, soll er sich gefälligst eine andere suchen.

 

Die Turteltaube plädiert für unbedingte Treue.

 

Der Kuckuck preist das Dasein als Single mit Lebensabschnittsgefährten.

 

Der Falke beschimpft ihn daraufhin als egoistischen Fresssack.

 

Da greift die Göttin Natur wieder ein und meint, das Adlerfräulein solle sich entscheiden.

 

Aber das Adlerfräulein erbittet sich ein Jahr Bedenkzeit, woraufhin die Göttin Natur die drei Adler tröstet: Man trägt nicht allzu hart an einem Jahr!

 

Die weiteren Verlobungen im Liebesparlament sind schnell vollzogen. Die Natur weist jedem Vogelmännchen ein Weibchen zu. Am Ende sind alle hoch zufrieden.

"Wie sie sich in die Flügel nahmen!

Wie sie die Hälse umeinander rankten

und der Natur, der edlen Göttin, dankten!"

Dann sangen alle der Natur dem Sommer und dem Heiligen dieses Tages ein Loblied, dessen Melodie - so sagt der Dichter - in Frankreich komponiert wurde:

 

"Sankt Valentin, du bist der Hochgestellte,

für dich die Vögel dieses Lied beginnen:

Willkommen, Sommer, der des Winters Kälte

durch seine warme Sonne ließ zerinnen."