Text: Christiane Raeder | Fotos: privat
"Hier' gerufen habe ich nie,
es ist alles auf mich zugekommen, und ich habe getan, was ich konnte."
Susanne von Imhoff sitzt am Wohnzimmer-Tisch vor dem großen Fenster. Ihr Blick wandert, wäh-rend sie erzählt, immer wieder in den Garten. Sie hat die Küchenhexe angeheizt und Kaffee gekocht. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Baklava, auf der Fensterbank treiben zwei Orchideen prächtige Blüten. Wir haben uns verabredet, weil gerade zwei Ereignisse Susanne von Imhoffs Leben bestimmen. Im vergangenen Jahr hat sie das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen, im August ihren achtzigsten Geburtstag gefeiert.
Weggefährt/innen aus ihrer Zeit in Heidelberg, aus dem Gorleben-Widerstand, der Kirchengemeinde Vietze, den Schubertiaden in Schnackenburg und dem Netzwerk Asyl waren gekommen, um mit ihr zu feiern. Sie haben nicht nur etwas zum Buffet beigesteuert. In kleinen Ansprachen, musikalischen und literarischen Beiträgen haben sie das gewürdigt, was sie mit Susanne von Imhoff erlebt haben. Dabei gelang es ihr, eine junge syrische Mutter zu einer kleinen Ansprache zu ermutigen. „Ich kann gar nicht sagen", sagte diese, "wie sehr Susanne mir und meiner Familie geholfen hat." Auch ihre Kinder kamen zu Wort, ebenso wie in junger chinesischer Musiker, Preisträger der Schubertiaden, der sein Können auf der Gitarre bewies.
Susanne bringt Menschen zusammen, das wissen die, die sie kennen. Aber sie kann auch abgeben, und ihr gelingt, was andernorts immer schwieriger wird: Für die Ämter bei den Schubertiaden und im Kirchenvorstand Vietze gibt es bereits Nachfolgerinnen. Während wir zusammensitzen, klingelt viermal das Telefon. Sievertröstet, sie riefe zurück. Sie ist gefragt. „Ich muss mich jetzt um die Wendlandbrücke (e.V.) kümmern“, sagt sie. „Das ist in letzter Zeit zu kurz gekommen.“ Seit sieben Jahren ist sie Vorsitzende dieser Einrichtung, die Hilfe für psychisch erkrankte und sozial eingeschränkte Menschen bietet und das Sozialkaufhaus für Alle (in Lüchow und Hitzacker) und die Teestube in Lüchow (Mauerstraße 6) betreibt.
„Was bleibt bei all der Arbeit für dich?“, frage ich, und sie zögert. „Das hier“, sagt sie dann, „die Bücher, Zeit für Freundinnen und Freunde und meine Familie, die Freude an den Ergebnissen der übernommenen Aufgaben, der Garten – für den ich allerdings inzwischen Hilfe brauche. Aber es geht mir ganz gut, und ich bin zufrieden.“ Sie schweigt einen Moment, dann fügt sie hinzu: „Und meine Blumen.“ Sie weist auf die prächtig blühende, gelb leuchtende Orchidee, die in Amerika 'Popcorn‘ heißt. „Wie sie hier heißt, weiß ich nicht. Ich habe sie einfach stehenlassen, und nun dankt sie es mir mit ihrer Blütenpracht.“
Es ist September. Die Bäume in ihrem Garten biegen sich unter den Früchten: Äpfel, Pflaumen, Birnenquitten. Wer sie besucht, wird schon mal aufgefordert, Äpfel zu sammeln und mitzunehmen. Zwischen ihren Verpflichtungen steht sie gelegentlich – Pflaumenmus rührend – am Herd. Dafür müssen die Bücher, die sie zum Lesen zu zwei hohen Türmen sichtbar gestapelt hat, warten – ebenso wie die randvoll gefüllten Bücherregale und das Klavier mit den aufgeschlagenen Partituren.

Seit gut vierzig Jahren lebt Susanne von Imhoff in Vietze. Davor hat sie sich in der Welt umgesehen. Sie hat Israel und viele europäische Länder bereist und in den USA und in der Türkei gearbeitet. Wie rote Fäden ziehen sich ihre Freiheitsliebe, ihr Einsatz für Kinder, für ausländische Mitbürger/innen und Migrant/innen und ihr Kampf gegen Ungerechtigkeiten durch ihr Leben. Neben ihrer Arbeit für Menschen anderer Länder und in der Friedensbewegung bestimmte vierzig Jahre lang der Widerstand gegen Atomkraft ihr Leben ebenso, wie die Neugier auf Neues und ihre Liebe zur Musik. Ihre Augen beginnen zu leuchten, während sie erzählt. "Die Eltern", sagt sie, "haben meinen drei Geschwistern und mir ermöglicht, was sie konnten, obwohl sie nicht viel hatten."

Als Sechsjährige hat sie sich eine Geige gewünscht und sich riesig gefreut, als sie unter dem Weihnachtsbaum lag. Sie hat Unterricht genommen und begeistert gespielt, bis klar wurde, dass es für eine Solo-Karriere nicht reichen würde. Sie sei nicht ehrgeizig genug, habe die Geigenlehrerin gesagt. Dennoch hat die Geige sie lange begleitet. Sie hat im Orchester gespielt und einmal in einem öffentlichen Konzert in Ankara den Solopart eines Vivaldi-Konzertes übernom-men. „Das habe ich ganz gut hingekriegt“, sagt sie. Die Liebe zur Musik ist geblieben. Vor kurzem hat sie wieder begonnen, Klavier zu spielen und Klavierunterricht zu nehmen. Und nicht nur das. Sieben Jahre lang hat sie als Vorsitzende den Förderverein der Schubertiaden in Schnackenburg geleitet.
Aber Susannes Eltern haben nicht nur die Liebe zur Musik gefördert. Der Vater war als Journalist in der Welt unterwegs, während die Mutter, die ebenfalls Journalismus studiert hatte, ihm zuarbeitete. "Sie kümmerte sich um uns vier Kinder und hat uns stets ermutigt, eigene Wege zu gehen." Susanne drängt es hinaus. „Mein Zuhause habe ich als ‚Burg‘ erlebt", sagt sie, "eine Burg, die Sicherheit bot, die aber auch festhält." An einem Frauenkolleg am Starnberger See lässt sie sich zur Kindergärtnerin ausbilden, arbeitet drei Jahre in einem Kindererholungsheim auf Norderney und ein Jahr in Stuttgart, bevor sie den "Sprung in eine neue Welt" wagt.
Sie bewirbt sich in Ankara, um an der Deutschen Schule einen Kindergarten aufzubauen. Allein zunächst. Mit vierzig Kindern aus sechs Nationen, die Deutsch lernen sollten. „Ich war unvorbereitet“, sagt sie, „aber ich lernte schnell, was interkulturelle Arbeit in der Erziehung bedeutet.“ Mit ihrem VW Käfer reist sie begeistert durch „dieses großartige Land“. Sie erfährt, "was Armut heißt und welcher Reichtum sich in den Händen weniger angesammelt hat". Hautnah erlebt sie die Unterschiede zwischen dem Leben in der Botschaft und in der Bevölkerung, aber auch die wunderbare türkische Gastfreundschaft. „Ich dachte oft beschämt an den abwertenden Umgang mit türkischen Gastarbeitern und Gastarbeiterinnen in Deutschland“, erinnert sie sich. Es war nicht der einzige Widerspruch. Ein weiterer tat sich auf durch die politischen Konflikte und Spannungen im Land. „Das hat mich schockiert, verstanden habe ich es erst viel später."
Sie entscheidet sich, nach Deutschland zurückzukehren und studiert an der Fachhochschule München zwei Jahre Sozialpädagogik. Es ist die Zeit der Studentenbewegung, in der sie mehr im Asta der Fachhochschule und dem Studentenverband tätig ist, als im Studium. „Aber den Abschluss habeich ganz passabel bestanden." Das sechswöchige Berufspraktikum absolviert sie in einem Girl Scout Camp in Upper-Michigan. Danach nutzt sie die Zeit, mit dem Greyhound Bus von Chicago aus durch die Staaten zu reisen. In Oklahoma City erwartet sie eine Überraschung. Eine Familie, die sie aus Ankara kennt, begrüßt sie als Gastfamilie.
Nach dem Studium geht sie nach Heidelberg, wo sie als Sozialpädagogin eine Studentenpfarrstelle der ESG Heidelberg erhält. Hier kümmert sie sich um soziale Projekte und ausländische Studenten, unter ihnen ein junger, syrischer Chemie-Student, der später als Erzähler und Schriftsteller unter dem Namen Rafik Schami bekannt werden sollte. „Die Arbeit war toll“, sagt sie, „es waren Aufbruch-Zeiten. Wir konnten Dorothee Sölle und Erich Fried einladen. Aber es gab auch Kritik: zu wenig kirchlich, zu wenig theologisch, zu ‚links‘". Nach langen Auseinandersetzungen entschloss sie sich zu gehen.“ Jahre sozialer Arbeit in Lübeck und Norderstedt folgen, sie wird in die Landessynode von Schleswig-Holstein gewählt, macht eine berufsbegleitende Therapieausbildung (KIM) und kommt in die ev. Kirchengemeinde Blankenese in Hamburg, während in ihr das Bedürfnis wächst, von der Stadt aufs Land zu wechseln.

„Und wie bist du nach Vietze gekommen?“ frage ich. „Das fing mit Gorleben an. Ich war in Hamburg bereits Mitglied der Gruppe „Solidarische Kirche“ und beschäftigte mich mit der Anti-Atombewegung. Als Mitglied der Nordelbischen Synode konnten wir den ersten Landeskirchlichen Beschuss gegen die Nutzung der Atomenergie durchsetzen. Ich kam nach Gorleben und habe ich mich in die Elbe und das Elbvorland verliebt. Als bei der Ehe-, Lebens- und Erziehungsberatungsstelle in Lüchow eine Stelle frei wurde, griff ich zu. Mit meiner Supervisions- und Therapie-Ausbildung habe ich nicht nur meine persönlichen ‚Brocken‘ abarbeiten können, ich konnte auch anderen helfen.“ Sie erfuhr, dass in Vietze ein Haus zum Verkauf stand, das kurz zuvor durch eine Explosion beschädigt worden war. Wieder griff sie zu. „Seitdem bin ich hier, in einem Haus, das dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, sehr ähnelt.“ Sie lächelt.

Es gibt kaum etwas, wo sie nicht mitgemischt hat. Aber genau daran liegt ihr. "Wenn wir das nicht tun", sat sie, "dann kann unsere Gesellschaft nicht überleben." Zehn Jahre ist es her, seit sie die "Blaue Stunde" ins Leben gerufen hat. Die Lesungen und Konzerte mit einheimischen Künstlern und Künstlerinnen, die in der Alten Kapelle in Vietze stattfinden, erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit.
"Wie war es für dich, als du erfahren hast, dass du das Bundesverdienstkreuz erhältst?" „Zuerst habe ich mich gefreut. Dann habe ich gedacht: Warum ich? Dann konnte ich dem zustimmen, und jetzt freue ich mich und trage es auch manchmal."

Und dann berichtet sie von einer Szene, die man so eigentlich so nur im Landkreis erleben kann. „Göhrde Bahnhof“, sagt sie, „ein einsamer Bahnhof, ringsumher nichts als meterhoch gewachsenes Kraut, mittendrin ein Schild ‚Rauchfreier Bahnhof‘. Der Zug kommt, zwei Frauen steigen aus. Die jüngere stürztauf mich zu, fällt mir um den Hals und sagt ‚Du, Susanne, bist der Grund, dass ich wieder mit meiner Mutter sprechen kann!‘“ Sie macht eine Pause. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das gefreut hat!“ Was sie denn nun vorhabe, frage ich sie. „Es ist die Zeit des Abgebens“, sagt sie, „und das gelingt nach und nach. Aber ich möchte gerne noch ein bisschen weiter mitmischen. Und ich möchte Musikveranstaltungen besuchen. Das Händel-Festival in Halle zum Beispiel.“ Sie lächelt.„Das ist, neben vielem anderen, eines meiner nächsten Ziele.“

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Sigi (Freitag, 20 Februar 2026 17:06)
Sie ist eine wunderbare Frau mit großer Ausstrahlung. Ein sehr schöner Bericht über ihr Leben. Durfte sie bei der blauen Stunde, durch dich,kennenlernen.
Vielen Dank
Christiane (Sonntag, 22 Februar 2026 09:51)
Danke, liebe Sigi, für dein Feedback. Es hat mir Freude gemacht, mit Susanne zu sprechen und darüber zu schreiben. Das ist mein Anliegen: Menschen, die im Kleinen und im Hintergrund viel bewegen, ins Blickfeld zu rücken. Lieben Gruß!
Plogstedt Dr. Sibylle (Freitag, 06 März 2026 16:50)
In Susanne habe ich eine gute Freundin gefunden. Dafür bin ich dankbar.
Diana (Freitag, 06 März 2026 19:28)
Ich bin die Patentochter und kann nur sagen, dass Susanne ein wertvolles Puzzlestück auch in meinem Leben ist...❤️
Liebe Christiane, es ist ein sehr toller Bericht...