Bücher gelesen

Für alle, die dieser Tage Theater-Sehnsucht haben, ein Trost-Tipp: 

Tauche ein die sehr lebendige Welt eines kleinen, tragbaren Puppentheaters,

und für eine Weile wirst du dich mittendrin fühlen, versprochen!

Dunker, Kristina: Vorhang auf für Flip

Illustrationen von Juli Völle

129 Seiten, 15,00 Euro

 

Für eine Puppenspielerin ist es mitunter eine ziemliche Herausforderung, für Ordnung in der Puppenkiste zu sorgen. Denn die Mitglieder ihres tragbaren Bühnen-Ensembles (Großmutter, König, Prinzessin, Kater, Gans, Räuberin und Wolf) haben ihren ganz eigenen Kopf und ihr ganz individuelles Temperament.   Zwei neue Puppen sind hinzugekommen: Zähnchen, das Krokodil und Flip, der Kasper. Kaum ist der letzte Faden vernäht, erwachen sie zum Leben und erwarten aufgeregt ihre erste Vorstellung.

Nun ist der Tag gekommen. Die Puppenspielerin hat ihre Puppen verstaut, hat in letzter Minute die Bahn erwischt und kommt gerade noch pünktlich in der Schule an. Da wird ihr plötzlich schlecht, eine heftige Migräne kündigt sich an.

Aber die Vorstellung darf nicht ausfallen, protestieren die Puppen, denn Kinder und Lehrerin sitzen schon auf ihren Plätzen. Ohne die Chefin keine Aufführung, meint der König. Ich könnte die Erzählerin sein, sagt die Großmutter, ich kenne alle Texte.  Der König schüttelt den Kopf.

Der Wolf bietet sich an, für die Technik zu sorgen: Ich knipse den Vollmond an und spiele das ‚huhu‘ der Eule abUnd wir wechseln die Kulissen, schlagen Kater und Räuberin vor. Doch der König bleibt stur. Ein Stück ohne Puppenspielerin sei wie ein Märchen ohne König.

Während sie streiten, stolpern sie unversehens in die Vorstellung hinein und sie können gar nicht anders als weiterzuspielen. Sie meistern ihr Programm punktgenau durch jede Panne hindurch, und nicht nur ihr Publikum, sondern auch die Leserin fiebert gespannt mit und kann erleichtert lachen, wenn es noch einmal gut ausgeht.

Kristina Dunker gelingt es, den Leser vom ersten Moment an in das turbulente Geschehen einer Puppenbühne mit hineinzunehmen. Mit verständnisvollem Blick auf die höchst unterschiedlichen und eigensinnigen Charaktere und mit viel Situationskomik lässt sie keinen Moment der Langeweile aufkommen. Nebenbei erfährt man aus nächster Nähe viel über die Leidenschaft einer Puppenspielerin und nimmt teil an den Freuden und Leiden eines modernen Puppenspielerdaseins.

Das Buch ist liebevoll illustriert von Juli Völle und macht viel Lust, einen ausführlichen Blick hinter die Puppentheater-Kulissen zu werfen und sich von Anfang bis zum Ende mittendrin zu fühlen. Viel Spaß beim Lesen und Vorlesen!

Michl Zirk, Sprach- und Literaturwissenschaftler und Geschichtenerzähler hat kürzlich ein Buch veröffentlicht: Freies mündliches Erzählen. Ein Grundkurs.

Ich hab es gelesen und stelle es euch gerne vor: 

Zirk, Michl: Freies mündliches Erzählen. Ein Grundkurs

1. Auflage, September 2020. Der Erzählverlag, Berlin.

ISBN 978-3-947831-47-0   /  Preis: 25,00 Eur

Freies mündliches Erzählen ist eine Kunst.

   Worauf es dabei ankommt, stellt der Sprach- und Literaturwissenschaftler und professionelle Erzähler Michl Zirk in seinem kürzlich erschienenen Buch vor. Dabei grenzt er das Feld des freien Erzählens zum Rezitieren und Storytelling ab und stellt dann grundlegende Möglichkeiten vor, eine Geschichte zu erarbeiten und zu erzählen.

   Eine Geschichte wird durch einen Anfang, eine Mitte und ein Ende zu einem Ganzen, das wusste schon der griechische Philosoph Aristoteles. Die Kenntnis ist nicht neu und taugt doch für einen Einstieg in das, was eine gute Geschichte ausmacht. Geschichten werden erst rund, wenn sie eine abgeschlossene Dramaturgie haben und der Erzähler oder die Erzählerin die Spannung auf verschiedene Weise erzeugen, steigern oder halten kann. Michl Zirk hält Beispiele dafür bereit. Er zeigt in seinem Buch, was freies mündliches Erzählen – im Gegensatz zur Schriftlichkeit – lebendig werden lässt: kurze Sätze, direkte Rede und der Verzicht auf ausführliche Beschreibungen.

   Um eine Geschichte zu erarbeiten empfiehlt er, zunächst eine Grundstruktur zu erstellen und sie in der Rohversion zu erzählen. In einem weiteren Schritt geht es darum, sie zu verinnerlichen und zu bearbeiten. Dabei müssen Fragen beantwortet, Hintergründe geklärt und Sprünge herausgefunden werden. Keine unwichtige Rolle spielt das Imaginieren: Wo befinden sich die Akteure, wie sehen sie aus und was sind das eigentlich für Typen?

   Für die Präsentation einer Geschichte schlägt Michl Zirk vor, erzählerisches Handwerkszeug wie Blickkontakt, Stimme, Mimik und Gestik, Geräusche und Reime einzusetzen. Er verweist auf Subtext, Rhythmisierung und Mnemotechniken und liefert damit ein Basis-Wissen, das helfen kann, eine Geschichte lebendig und stimmig zu gestalten. Auch das Programm sollte dramaturgisch gut durchdacht sein, sagt er, und gibt für dem Kontakt zum Publikum ebenfalls Hinweise.

   Am Ende des Buches geht’s um Organisatorisches zu Werbung, Honorar, Vertrag, Steuer, Versicherung/Haftung, Genehmigungen, Sponsoring, Förderung und Vernetzung. Er nennt Internetseiten zum Weiterlesen und Recherchieren und verweist die, die sich im Bereich „Bühnenerzählen“, „Erzählen im pädagogischen Bereich“ oder „heilsames Erzählen“ spezialisieren möchten, auf den Verband der Erzählerinnen und Erzähler (VEE).

   Was ein Erzähler oder eine Erzählerin wissen muss, hat Michl Zirk auf 100 Seiten übersichtlich und komprimiert dargestellt. Natürlich kann ein Buch keine Erzählerausbildung ersetzen, darauf verweist auch der Autor, aber einen Überblick über praxisorientiertes Basis-Wissen bietet es doch.