24. Dezember

Wenn der Dummling in Weisheit regiert...

Für meinen letzten Beitrag im kleinen märchenhaften Adventskalender habe ich mich für die Figur des Dummlings im Märchen entschieden.

 

Wie bitte, der Dummling? Ist das nicht der Dumme, der am Ende König wird und ein glücklicher und weiser dazu?

 

Ja, genau der. Das heißt: Dumm ist er eigentlich nicht. Die anderen denken, er ist einfältig und deshalb nennen sie ihn so.

 

Aber ich frage mich immer: Was hat er, was die anderen nicht haben? Irgendetwas muss er richtig machen! Denn während die scheinbar Klügeren mit ihrer Angeberei und ihrem klugen Gerede scheitern, gelingt ihm das, wovon sie nur träumen.

 

Dummling, frage ich, was machst du richtig?

Hast du einen Tipp für mich und für das nächste Jahr?

 

Da lächelt er und sagt: Ja, das habe ich.

 

Hab Vertrauen in den Fortgang der Dinge.

Lass dir Zeit und warte ab.

Bleib im rechten Moment wach.

Hab Geduld, und wenn die Zeit gekommen ist, handle.

Achte auf die Helfer auf dem Weg und achte sie.

Folge deiner inneren Stimme und vor allem:

Kümmere dich nicht um das Gelächter der anderen!

 

Und dann sagt er noch:

 

Bleib doch mal einen Moment stehen oder setz dich. Schau dich um. Was siehst und fühlst du? Vielleicht kommt dir eine Idee, was du jetzt am Allerliebsten tun würdest. Wenn es ein größerer Wunsch ist, nimm ihn einfach zur Kenntnis. Ist es ein kleiner Wunsch, der direkt umsetzbar ist? Dann steh auf und erfülle ihn dir.

 

Ich schau ihn an und denke: Ich möchte mal wieder Dummlingsmärchen lesen, Die weiße Taube zum Beispiel oder Die Bienenkönigin, beides Grimms Märchen. Vielleicht kann ich von seinen Dummlings-Qualitäten noch einiges lernen ...

 

Ich wünsche euch allen

 

ein wunderschönes Weihnachtsfest

 

und ein glückliches neues Jahr!

 

23. Dezember

Warum es keinen Krieg geben darf

Zwei benachbarte Länder waren in Streit geraten, so dass ein Krieg  unvermeidlich schien.

 

Da sandten beide Könige Späher aus. Sie sollten auskundschaften,

an welcher Stelle es möglich sei, in das Nachbarland einzufallen.

 

Die Kundschafte kehrten zurück und berichteten beide, dass es dafür nur eine geeignete Stelle gäbe.

 

Aber gerade dort lebte ein junger Bauer mit seiner schönen Frau und ihrem kleinen Kind, und es hieß, sie seien die glücklichsten Menschen weit und breit.

 

Marschierten nun unsere Armeen über diese Grundstücke, sagten die Kundschafter, so zerstörten sie das Glück! Also kann es keinen Krieg geben.

 

Die Könige sahen das ein, und so gab es keinen Krieg, wie jeder Mensch begreifen wird.

 

22. Dezember

Wo die Nacht am dunkelsten...

 

 

 

 

Wo die Nacht

 

am dunkelsten,

 

ist das Licht

 

am nächsten.

21. Dezember

Hänsel und Gretel im Wald

 

Wie können Eltern nur so grausam sein und ihre Kinder im Wald zurück lassen?
Wir Erwachsene können es kaum verstehen, aber genau davon erzählt das Lieblingsmärchen vieler Kinder. Sie erleben die Angst mit, die Furcht einflößende Hexe und zum Schluss die Erlösung aus der Gefahr.

 

Ein Blick auf den Beginn: Es gibt nichts zu beißen und zu brechen. Die Frau schätzt die Lage realistisch ein: Wenn wir nichts tun, müssen wir alle Hungers sterben. Es ist eine ausweglose Lage.

 

Der Vater hat Mitleid mit den Kindern, aber er kann weder das tägliche Brot beschaffen noch eine Entscheidung treffen. So lässt er sich von seiner Frau überreden und sie bringen die Kinder in den Wald. So grausam der Plan auch ist, es kommt Bewegung in die Sache, jedenfalls im Märchen.

 

Ein Blick in den realen Alltag: Im idealen Fall wachsen Kinder mit einem oder zwei Eltern behütet auf. Früher oder später wird deutlich: Eltern allein können ihren Kindern nicht allein das geben, was sie (auch) noch brauchen: Andere Menschen, Anregungen von außen, um sich weiter zu entwickeln und erwachsen zu werden.

 

Das Märchen erzählt, dass die Kinder in den Wald gebracht werden. Im realen Leben ist es der erste Gang zum Kindergarten, in die Spielgruppe oder zur Tagesmutter - für das Kind eine zunächst unbekannte Situation. Je nach seinen Vorerfahrungen kann es sich fühlen wie im Wald. Die Lage ist unüberschaubar und unbekannt. Die vertrauten Personen sind fort und es weiß nicht, ob oder wann sie wiederkommen. Es sind Ängste, die alle Kinder kennen: Verlassen zu werden und nicht versorgt zu sein, und auch Hänsel und Gretel beschäftigt vor allem eines: Wie finden wir aus diesem Wald wieder heraus?

 

Zunächst befinden sich die Kinder in einer schlimmen Situation. Die Eltern sind fort, es ist dunkel und ihr Zuhause ist weit weg. Was machen die Kinder? Wie reagieren sie? Gretel weint: Wir sind verloren! Hänsel tröstet: Ich mach das schon!

 

Im weiteren Verlauf des Märchens stellt sich heraus: die Angeberei des Hänsel trägt ebenso wenig wie das Gejammere der Gretel. Spar dir dein Geplärre, sagt die Hexe, es nutzt dir alles nichts! Ich sehe Gretel förmlich vor mir, wie sie Luft holt, sich die Tränen von den Wangen wischt und sagt: Jetzt!

 

Listig steigen die beiden aus ihrer Opferrolle aus. Hänsel kann von seinem Ställchen aus die Hexe täuschen. Gretel durchschaut sie, stellt sich dumm und schiebt sie in die eigene Falle. Es ist eine symbolische Handlung, die für Verwandlung steht. Sie muss geschehen, damit eine wirkliche Erlösung stattfindet und die Hexe (die Angst in mir) besiegt werden kann und die Kinder sich gerettet fühlen und erlöst aufatmen können.

 

Das Märchen zeigt – ohne es direkt und real anzusprechen – die emotionale Belastung, die Ängste und Unsicherheiten. Es bietet aber auch Lösungen an und kann damit Mut machen, die eigenen Ängste zu überwinden. 

 

20. Dezember

Vier Kerzen am Adventskranz

Heute Morgen. Ich habe die vier Kerzen am Adventskranz entzündet und gönne mir eine Tasse Tee und eine kleine Zeit für mich. Ich schaue in die Kerzen, und nach einer Weile wird es ganz still in mir.

 

Da höre ich plötzlich, dass eine der Kerzen zu sprechen beginnt:

Ich bin das Licht des Friedens. Doch ich habe das Gefühl, dass ich vergeblich brenne. Auch wenn die Menschen vom Frieden reden, sie reden eben immer nur davon. Sie führen Kriege, sie streiten, verletzen andere und wollen immer Recht haben. Sie haben vergessen, dass der Frieden in ihnen selbst beginnt ...

Sie flackert noch einmal auf, dann erlischt sie ...

 

Kaum ist sie verloschen, meldet sich eine andere Kerze: Mir geht es nicht viel anders. Ich bin das Licht der Liebe und des Mitgefühls. Aber ich brenne und brenne vergeblich. Kaum jemand weiß noch, was wahre Liebe ist. Egoistisch suchen die Menschen nach Bestätigung und wollen immer mehr und mehr. Wie es anderen geht, ist ihnen egal. Auch ich habe kaum noch Kraft zum brennen.

Und ihre Flamme wird kleiner und kleiner, bis sie ganz verlischt ...

 

Da fängt die dritte Kerze zu sprechen an: Ich bin das Licht der Freude. Aber ob ich brenne oder nicht, ist eigentlich egal. Die Menschen treibt es gierig nach immer mehr und mehr. Sie schimpfen und klagen und können sich über nichts mehr richtig freuen. Lachen habe ich schon lange nicht mehr gehört. Ich fühle mich so schwach, dass ich im nächsten Moment verlöschen werde...

 

Aber ihr könnt nicht einfach verlöschen, sage ich erschrocken. Es ist doch der vierte Advent, und wir haben gerade in diesem Jahr so sehr darauf gewartet, dass wieder ein bisschen Licht in die Welt kommt.

 

Da beginnt die vierte Kerze zu sprechen: Ja, ich verstehe dich. Aber weißt du, es kommt darauf an, dass wenigstens eine Kerze brennt. Ich brenne weiter und ich werde immer wieder die anderen Lichter neu entzünden, ob es das Licht der Liebe und des Mitgefühls ist, das Licht des Friedens oder das Licht der Freude. Solange ich brenne, ist nichts verloren. Denn ich bin das Licht der Hoffnung.

19. Dezember

Teekesselchen

Erinnerst du dich an das alte Ratespiel Teekesselchen? Es geht so:

 

Zwei Mitspieler beschreiben abwechselnd einen Begriff mit zwei Bedeutungen, die anderen raten. Märchen könnte zum Beispiel ein solcher Begriff sein. Wie lässt sich dieses Teekesselchen beschreiben?

 

Mein Teekesselchen ist nicht wahr.

Mein Teekesselchen vermittelt uraltes Wissen.

Mein Teekesselchen ist eine Lüge.

Mein Teekesselchen hat eine wunderschöne Sprache.

Mein Teekesselchen ist nichts als Flunkerei.

Mein Teekesselchen hat ein großes Angebot an Sprachmustern.

Mein Teekesselchen ist nur zur Unterhaltung da.

Mein Teekesselchen ist ein gehaltvoller, symbolträchtiger Erfahrungsschatz.

Mein Teekesselchen kann man nicht ernstnehmen.

Mein Teekesselchen malt in wunderschönen Bildern.

Mein Teekesselchen ist geradezu Betrug.

Mein Teekesselchen kann Mut machen und Trost spenden.

Mein Teekesselchen ist nur etwas für Kinder.

Mein Teekesselchen hat auch Erwachsenen viel zu sagen.

 

Das können doch nur Märchen sein, rufen die Zuhörer und ergänzen:

Aber Märchen sind doch grausam, banal und reine Fantasie. Sie zeigen längst überholte Rollenbilder und stehen sie mit hoch erhobenem Zeigefinger da.

 

Hmhm, sagt die Erzählerin, das ist aber längst nicht alles!

Und dann beginnt sie zu erzählen...

18. Dezember

Immer die kleinen Freuden aufpicken...

 

Immer die kleinen

 

Freuden aufpicken, bis das

 

große Glück kommt.

 

Und wenn es nicht kommt,

 

dann hat man wenigstens

 

die kleinen Glücke gehabt.

 

                                                                                                       Theodor Fontane

17. Dezember

Wiesenträume

Ich gebe zu, heute ist mir so gar nicht adventlich oder gar weihnachtlich zumute. und so dachte ich: Was spricht eigentlich dagegen, sich zumindest gedanklich einen kleinen Ausflug in den Sommer zu gönnen?

 

Nun ja, eigentlich ist dies ja ein Adventskalender, aber in diesem besonderen Advent 2020 man wird ja wohl auch mal träumen dürfen.

 

Also träume ich mich für einen Moment in den Sommer und wer möchte, kann ein bisschen mitträumen.

 

Weißt du noch, wie wir als Kinder Blumenkränze geflochten haben?

 

Ich stelle mir vor, ich liege im warmen Gras unter einer Kastanie, tausende von Kastanienhüllen um mich herum, kaum erbsengroß. Der Baum hat sie verstreut, damit den Kastanienkollegen hoch oben Kraft bleibt, sich zu entwickeln.

 

Der Baum schüttelt seine Blätter vor blauem Himmel. Sie leuchten hellgrün in der Sonne und schimmern blass, wenn sich Wolken dazwischenschieben.

 

Dort, wo der Baum steht, lag einst eine Blumenwiese, die den Sommer mit Mohn, Lupinen und Kornblumen üppig beschenkte und fleißig Insekten nährte.

 

Wann habe ich das letzte Mal auf einer Wiese gelegen? Wann das Glücksgefühl verspürt, Löwenzahn und Gänseblümchen zu Kränzen zu flechten? Da war ich ein Kind. Da dehnten sich noch freie Plätze zwischen den Häusern, die im Sommer zu Blumen- und Spielwiesen wurden.

 

Ich stell mir vor, es ist Juni. Der Löwenzahn ist verblüht, Gänseblümchen tragen kleine Blüten auf dünnen Stängeln. Sie werden regelmäßig vom Mäher abrasiert.

 

Und ich?

 

Ich sehe mich durch Blumenwiesen toben und laut lachend kopfüber im hohen Gras landen.

16. Dezember

Von der Königin, die keine Pfeffernüsse backen konnte...

Von der Königin, die keine Pfeffernüsse backen und dem König, der das Brummeisen nicht spielen konnte
- Titel 11.mp3
MP3 Audio Datei 17.8 MB

15. Dezember

Vom Märchenerzählen

 

Märchen handeln von der Vergangenheit,

 

 

verweisen auf die Zukunft

 

 

und können doch nur

 

in der Gegenwart

erzählt werden.

 

14. Dezember

Erinnerungen einer Erzählerin

Ein Märchenspaziergang

am See.

 

Mehrere Erzählerinnen sind unterwegs, aber es sind nur wenige Zuhörer da. Sie haben auf einer Bank Platz genommen. Eine Erzählerin will gerade beginnen.

 

Da kommen ein etwa fünf-jähriges, gut genährtes Mädchen auf einem sehr

kleinen Fahrrad daher geradelt, gefolgt von seiner Mutter.

 

Jemand ruft: Wollt ihr ein Märchen hören?

 

Nein, nein, sagt die Mutter, wir wollen ins Eiscafé.

Aber das Mädchen sagt: Ich will eine Geschichte hören!

Während die Mutter versucht, sie zu überreden: Du wolltest doch ein Eis essen! lässt das Mädchen sein Rad mitten auf den Weg fallen und wirft sich bäuchlings ins Gras. Es stützt den Kopf in die beide Hände und sagt atemlos: Ja. Ein Märchen. Von Prinzessinnen.

 

Diesen Wunsch erfüllt die Erzählerin ihr natürlich gerne.

13. Dezember

Die Alte im Wald

12. Dezember

Zeit-Gedanken

 Die Zeit.

 

Wir können sie gewinnen oder verlieren. Wir wollen Zeit sparen, aber ebensooft vertreiben wir sie.

 

Die Zeit.

 

Manchmal schleicht  sie dahin und scheint still zu stehen. Oder sie vergeht wie im 

Flug, und manchmal wird sie reif.

 

Wenn es zu Beginn eines Märchens heißt...

 

Es war einmal, vor langer Zeit… oder:

 

In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat… oder:

 

Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Johr…

 

... dann verweist das nicht nur auf längst Vergangenes und Unbestimmtes. Es verweist auch darauf, dass einst alles gut war und die Märchenheldinnen und -helden sich in Sicherheit wähnen konnten.

 

Doch dann geschieht etwas, was sie aus ihrer heilen Welt herausholt und vor Herausforderungen stellt, die eigentlich kein Mensch bewältigen kann: 

 

Schleiße mal zwölf Pfund Federn an einem Tag, schöpfe am nächsten mit einem durchlöcherten Löffel einen Teich aus und bau am dritten Tag ein Schloss! (Die wahre Braut, KHM186)

 

Versuche mal, in drei Nächten drei Kammern voller Stroh zu Gold zu spinnen! (Rumpelstilzchen, KHM55).

 

Sechs Jahre nicht sprechen und nicht lachen und Hemden aus Sternenblumen nähen: Auch die Königstochter aus Die sechs Schwäne (KHM49) wird auf eine harte Probe gestellt. Nicht selten es dabei um Leben oder Tod.

 

Dornröschen (KHM50) dagegen verschläft ganze hundert Jahre. Der Prinz, der zur rechten Zeit am rechten Ort ist, nutzt die Gunst der Stunde. Charles Perrault lässt seine Prinzessin sagen: Sind Sie es, mein Prinz? Sie haben lange auf sich warten lassen!

 

Manchmal aber wird einer Märchenheldin das Warten einfach zu lang: Das kluge Gretel (KHM77) steht in der Küche und dreht den Spieß mit zwei verführerisch duftenden Hühnchen, und der Gast kommt und kommt nicht. Da vertreibt sie sich die Zeit mit einem herzhaften Schluck Wein, und einem zweiten und einem dritten, bis sie sich nicht mehr halten kann und das Hühnchen in aller Freudigkeit selbst aufisst. Pech, dass nun der Gast erscheint, aber die weinselige Gretel versteht es, auch hier den Spieß umzudrehen.

 

Die Zeit wird auch einem armen Soldaten lang. (Der Bärenhäuter, KHM101). Er hat sich auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen und darf sich sieben lange Jahre nicht waschen, nicht kämmen, Nägel nicht schneiden und kein Vaterunser beten.

 

Gar nicht lang dagegen wird die Zeit dem Dummling im Märchen. Der hat die Ruhe weg. Er bleibt stehen und schaut sich um, wo andere schon weitergelaufen sind. Dabei entdeckt er oft das, was die Ungeduldigen übersehen haben. So wird der Dummling am Ende König, weil er sich Zeit lässt und abwarten kann.

 

Ich wünsche euch eine gute Zeit

und viele kostbare Momente.

 

11. Dezember

Vom Glück einer Märchenerzählerin

Zu meinen schönsten Erfahrungen als Erzählerin gehört ein Erlebnis am Ende einer Erzählstunde für eine Gruppe von Kindergartenkindern.

 

Beim Gehen reckte eine kleine Zuhörerin begeistert ihren Arm in die Höhe und rief:

 

Das war das schönste Märchen

meines Lebens!

 

An dieser Stelle weiß jede Märchen- und

Geschichtenerzählerin, warum es sich lohnt,

Märchen und Geschichten frei zu erzählen.

 

10. Dezember

Zwei Wölfe

Eines Abends saßen ein Enkel und sein Großvater beisammen.

Großvater, fragte der Enkel, warum sind die Menschen mal gut und mal böse?

Hm, antwortete der Großvater, das liegt daran, dass jeder Menschen zwei Wölfe in sich hat. Der eine Wolf ist gut, der andere ist böse, und sie kämpfen miteinander.

Und welcher von beiden wird gewinnen, fragte der Enkel. Der Großvater wiegte den Kopf. Das, sagte er, hängt davon ab, wen von beiden ich füttere.

 

9. Dezember

 

 

Höhepunkt des Glücks

 

ist es, wenn der Mensch

 

bereit ist, das zu sein,

 

was er ist.

 

Erasmus von Rotterdam

8. Dezember

Glück - was ist das?

 

Glück - was ist das? Philosophen, Dichter, Wissenschaftler und andere kluge Menschen aus vielen Epochen zeigen: Seit Jahrtausenden stolpern wir über das Glück.

 

Glück gehabt, sagt der Volksmund, wenn wir mal wieder mehr Glück als Verstand hatten.

 

Niemand kann zu seinem Glück gezwungen werden, aber jeder ist seines Glückes Schmied. Da heißt es von einem, er habe sein Glück gemacht, ein anderer sagt: Glück muss man haben! Aber auch: Glück und Glas, wie leicht bricht das!

 

Es ist nicht leicht mit dem Glück. Wir suchen danach, finden es für einen Augenblick, bevor es wieder verloren geht.

 

Bei meiner Suche nach dem Glück entdeckte ich etwas, was mich als Märchenerzählerin ein bisschen glücklich gemacht hat.

 

Das Wort Glück kommt von gelucke oder gelücke (mittel-nieder- bzw. mittelhoch-deutsch) und heißt soviel wie etwas endet gut oder geht gut aus.

 

Damit ist der Bogen zu den Märchen gespannt und ich wünsche euch an dieser Stelle 

 

VIELGLÜCK!

 

7. Dezember

Noch eine Schlüsselgeschichte

 

Heute, am 7. Dezember möchte ich eine weitere Schlüsselgeschichte erzählen.

Ein fünfjähriger Junge war mit seiner Kindergartengruppe zu einer Erzählveranstaltung gekommen. Auch hier ging es, wie schon so oft, um den imaginären Schlüssel, der das Märchentor aufschließen kann. Er beteiligte sich aufmerksam und kam am nächsten Tag noch einmal ins gleiche Programm. Dieses Mal brachte er seine Mutter mit.

Ich habe etwas mitgebracht, sagte er, noch bevor die Erzählerin beginnen konnte, griff unter seine Mütze und holte zwei Schlüssel hervor. Er erklärte: Der eine ist für mich und der andere für meine Mutter.

 

6. Dezember

Der Schlüssel zum Glück

 

 

Ein reicher Sultan hatte Sorgen. Er fürchtete sich, dass Diebe kämen, um ihm alles zu stehlen.

 

Er ließ einen Palast bauen, mit hohen Mauern und einer Tür, die mit vielen Schlössern versehen war. Diese Tür konnte nur der öffnen, der die passenden Schlüssel besaß.

 

Nach vielen Jahren war der Palast fertiggestellt und sollte dem Sultan übergeben werden. Doch in der Nacht zuvor starb der Baumeister, der allein gewusst hatte, wo der Schlüssel verwahrt wurde.

 

Da ließ der Sultan sein Volk zusammenrufen. Die Menschen versammelten sich vor dem Palast, und der Sultan rief:

Wer dieses Tor öffnen kann, wird reich belohnt!

 

Da stellten die Gelehrten Berechnungen an, um eine passende Formel zu finden, am Ende aber rauchte ihnen nur der Kopf.

 

Ein Meisterdieb versuchte es - vergeblich. Die Tür regte sich nicht.

 

Ein Zauberer murmelte Beschwörungen, tropfte eine geheime Flüssigkeit auf die Schlösser. Die Tür blieb verschlossen.

 

Der Meister aller Magier kam, hob die Hände, um den Segen der Götter und Geister zu erbitten. Nichts geschah.

 

Drei Hexen boten ihre Dienste an. Sie entzündeten ein gewaltiges Feuer, tanzten und sangen geheimnisvolle Lieder. Mit glühenden Ästen berührten sie die Schlösser. Es regte sich nichts.

 

Gibt es denn niemanden, der dieses Tor öffnen kann? rief der Sultan. Die Menge wich zurück und begann sich aufzulösen.

 

Da lief ein kleines Kind auf das Tor zu. Auf Zehenspitzen hangelte es sich hoch zum großen, goldenen Türgriff, drückte ihn herunter und stemmte sich mit seiner ganzen Kraft gegen die Tür.

 

Leicht und geräuschlos schwang sie nach innen auf.

5. Dezember

Erinnerungen einer Erzählerin

Heute war Backtag, und als der Schlüsselkeks vor mir lag, fiel mir eine Szene aus einer meiner Märchenerzählstunden ein, die ich gerne erzählen möchte:

 

Märchenstunde am Sonntagnachmittag. Eingeladen sind Familien mit Kindern. Im Anschluss an die Erzählstunde ist ein Bastel- und Mal-Angebot geplant. Eine Erzählfreundin und ich gestalten dieses Angebot gemeinsam. Es sind etwa 30 große und kleine Menschen gekommen. Buchstäblich in letzter Minute schiebt eine Frau ihre beiden Söhne in den Raum, fragt, wie lange es dauern würde und ist verschwunden.

 

Zwei Jungen, der eine vielleicht sechs, der andere etwa zehn Jahre alt, stehen im Raum und demonstrieren deutlich ihren Missmut. Ihre Gesichter sind verschlossen und sie bewegen sich keinen Millimeter von ihrem Platz.

 

Wir laden sie ein, sich zu setzen und bieten ihnen zwei Plätze nebeneinander an. Sie setzen sich, verschränken demonstrativ die Arme vor der Brust und gucken finster in unsere Richtung. Wir beginnen mit einer Märchenwanderung ins Märchenreich, um die Kinder einzustimmen. Die beiden Jungen gucken weiterhin so finster, dass die anderen erwachsenen Zuhörer aufmerksam werden. Sie sind sichtlich gespannt, wie wir damit umgehen. Wir machen weiter und kommen schließlich ans imaginäre Märchentor. Es ist verschlossen und wir fragen die Kinder: Was können wir tun?

 

Da werden die beiden lebendig: Wir kehren wieder um! Hm, sagen wir, dann haben wir den langen Weg umsonst gemacht! Die beiden entwickeln weitere Vorschläge: Bomben schmeißen! Mit Kanonen schießen!

 

Ja, sagen wir, das könnte man machen, aber mit Bomben oder Kanonen ist ein Märchentor nicht zu öffen. Alles ginge kaputt, und wir kommen nie ins Märchenland.

 

Die beiden schweigen. Wir beziehen nun auch die anderen Zuhörer mit ein. Am Schluss gibt es einen imaginären Schlüssel, den jeder in seiner Tasche oder in einem anderen Versteck findet. Die beiden schütteln den Kopf: Wir haben keinen!

 

Ich kann ihn euch leihen, sage ich, fingere zwei imaginäre Schlüssel aus der Hosentasche und reiche sie ihnen. Sie nehmen sie beide an, und nun können wir das Märchentor gemeinsam öffnen. Dann dürfen alle ihren Schlüssel einstecken und wir beginnen zu erzählen. Nach dem ersten Satz des Märchens sitzen die beiden mit offenen Mündern und Augen da und wenden den Blick nicht mehr von uns, bis die Erzählstunde beendet ist. Bei der anschließenden Aktion machen die beiden begeistert mit.

 

Als die Mutter später kommt, um sie abzuholen, springen ihr zwei völlig veränderte Kinder entgegen. Na, wie war es? fragt sie und die beiden rufen wie aus einem Mund: Toll! Meine Erzählkollegin und ich sehen uns an und wissen: Allein dafür hat sich alles gelohnt.

 

4. Dezember

Der goldene Schlüssel

 

Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, musste ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bisschen wärmen.

 

Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müsste auch das Schloss dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. Wenn der Schlüssel nur passt! dachte er, es sind gewiss kostbare Sachen in dem Kästchen.

 

Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, dass man es kaum sehen konnte. Er probierte, und der Schlüssel passte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen, und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.

 

 

Der goldene Schlüssel, Grimm - KHM 200

 

 

 

Wüsstest du gerne, was für Schätze der Junge in seinem Kästchen gefunden hat? Wir werden es nicht erfahren, denn das Märchen endet, bevor das Kästchen geöffnet ist und schweigt sich über den Inhalt aus. Aber vielleicht geht es auch nicht darum, in ein fremdes Kästchen zu schauen, sondern sich inspirieren zu lassen zu einem Blick ins eigene: Was sind deine Schätze? Was hast du auf dem Kasten? Was würdest du gerne in deinem Kästchen finden? Hast du den Schlüssel schon in der Hand oder bist du noch auf der Suche?

 

3. Dezember

Was die Menschen wirklich brauchen

Ein König war alt geworden und wusste nicht, welchen von seinen beiden Söhne er zu seinem Nachfolger bestimmen sollte.

 

Er rief sie zu sich, gab jedem von ihnen ein Goldstück und sprach: Mit Hilfe dieses Goldstücks füllt ihr bis zum Abend die große Halle des Schlosses. Womit, das überlasse ich euch.

 

Da ging der älteste Königssohn hinaus aufs Feld und sah, dass die Arbeiter gerade bei der Getreide-Ernte waren. Das nutzlose Stroh war in großen Haufen am Rande des Feldes aufgeschichtet.

 

Das ist eine gute Gelegenheit, dachte der älteste Königssohn, damit ist die Schlosshalle schnell gefüllt.

 

Er gab dem Vorarbeiter das Goldstück und ließ alles Stroh ins Schloss schaffen. Schon am Nachmittag war die Halle gefüllt und der älteste Sohn ging zu seinem Vater. Vater, sagte er, ich habe die Aufgabe erfüllt. Du kannst mich zu deinem Nachfolger bestimmen.

 

Aber der König sprach: Es ist noch nicht Abend. Ich werde sehen, was dein Bruder macht.

 

Der jüngere Sohn bat, das Stroh aus der halle zu entfernen. Dann wartete er, bis es Abend wurde. Der ganze Hofstaat wartete darauf, was geschehen würde. Als es stockdunkel war, kam der zweite Königssohn. Er nahm eine Kerze und stellte sie in die Mitte in die Halle zbd zündete sie an. Ihr Lichtschein erhellte die Halle bis in die letzte Ecke.

 

Da sprach der König: Du hast die Halle des Schlosses mit dem gefüllt, was die Menschen wirklich brauchen: mit Licht und Wärme. Und nicht nur das. Du hast nicht einmal ein Goldstück dafür gebraucht. Du wirst mein Nachfolger sein.

2. Dezember

Wie man eine Geschichte erzählen sollte

 

Einmal bat man einen lahmen, alten Mann: Erzähle uns eine Geschichte!

 

Gut, sagte der, ich kann euch von meinem Lehrer erzählen.

Wenn der zu erzählen begann, konnte er einfach nicht stillhalten.

 

Der alte Mann richtete sich in seinem Bett auf und fuhr fort: Dann geriet er so in Begeisterung, dass er zu hüpfen und tanzen begann.

 

Der alte Mann begann, sich hin und her zu bewegen. Und seine eigene Erzählung riss ihn so mit, dass er aufsprang und hüpfend und tanzend zeigen musste, was er bei seinem Meister gesehen hatte.

 

Genauso sollte man Geschichten erzählen.

 

nach einer chassidischen Geschichte

1. Dezember